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Preisträger : Jean-Jacques Annaud

 

 

Laudatio Wolfgang Hahn-Cremer

Laudatio zur Preisverleihung an Jean-Jacques Annaud am 3. Mai 2004

Wolfgang Hahn-Cremer (+ 2006) war bis 2005 Vorsitzender der Medienkommission der Landesanstalt für Medien NRW (LfM).

Sehr geehrter Monsieur Annaud, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrter Herr Botschafter, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, meine sehr verehrten Damen und Herren,

Was macht nun eigentlich der Vertreter einer Regulierungsbehörde in der reihe der Laudatoren? Sicherlich, er vertritt einen der Stifter der Médaille Charlemagne. Und genauso sicher ist, dass es beim Film Gott sei Dank nichts zu regulieren gibt. Sie werden es nicht glauben, aber in einem solchen Fall hilft ein Blick ins Landesmediengesetz. Dort ist an mehreren Stellen vom Nutzer oder der Nutzerin die Rede. Nutzer, Nutzerin, da kommt man schnell zu Kinobesucher, Kinobesucherin. Und als Kinobesucher muss ich bekennen, dass ich, verehrter Monsieur Annaud, fast alle ihre Filme gesehen habe.

Ich denke da beispielsweise an „Sehnsucht nach Afrika“, „Damit ist die Sache für mich erledigt“, „Am Anfang war das Feuer“, „Der Bär“, „Der Name der Rose“ und den Erlebnisbericht „Sieben Jahre in Tibet“ mit einem hervorragenden Brad Bit als Heinrich Harrer. Vergessen möchte ich natürlich auch nicht, dass Stalingrad-Epos Duell - Enemy at the gates“, eines der bislang aufwendigsten europäischen Filmprojekte, das 2001 als Eröffnungsbeitrag bei der Berlinale gezeigt wurde.

Wer Ihre Filme gesehen hat, der weiß, dass Sie sich bei Ihren Werken nicht auf ein bestimmtes Genre konzentrieren. Sie führten bei amüsanten Filmen (Damit ist die Sache für mich erledigt) ebenso Regie wie bei Abenteuerfilmen (Der Bär) oder bei kritischen zeitgeschichtlichen Filmen (Duell - Enemy at the gates).

So unterschiedlich Ihre Filme auf den ersten Blick aber erscheinen, sie haben doch eines gemeinsam: In allen ihren Filmen haben Sie stets die gleichen qualitativen Wertvorstellungen zu Grunde gelegt und sind trotz Ihres Erfolges nicht hiervon abgewichen, um, wie es leider immer häufiger geschieht, die „Leidensfähigkeit“ der Zuschauer auszuloten. Sie selbst haben es in einem Interview zum Film „Duell – Enemy at the gates“ auf den Punkt gebracht:

„Ich werde Ihnen mal was sagen: Ich bin Optimist. Ich bin nicht bereit, Geschichten zu erzählen, die mich selbst traurig machen. Ich selbst, wie ich hier sitze, ich bin gern bereit, durch einen dunklen Tunnel zu gehen, aber da muss immer ein Licht am anderen Ende zu erkennen sein. Und ich finde es furchtbar, ins Kino zugehen, und dort nur Bedrückung und Katastrophen zu erleben. Das kann ich einfach nicht ausstehen, so bin ich eben!“

Gerade dies sind aus meiner Sicht die Gründe für Ihren langjährigen Erfolg. Mit Ihren Filmen haben Sie es in einer scheinbaren Leichtigkeit geschafft, Ihre Zuschauer in Ihren Bann zu ziehen, sie auf eine Reise in die Bergwelt Tibets oder in die mittelalterliche Benediktinerabtei im nördlichen Apennin zu schicken und sie Ihre Filme „miterleben“ zu lassen, wobei man als Zuschauer den Eindruck gewinnen kann, Teil des Geschehens zu sein. Sie haben erreicht, dass die Besucher Ihrer Filme Ihren Alltag zumindest für die Dauer des Films hinter sich lassen und eintauchen in die Geschichte, die Sie erzählen. Und genau das sollte modernes und „großes“ Kino heute erreichen, mehr ist nicht erforderlich, denn schon dieses Ziel ist recht hoch gesteckt. Modernes Kino sollte nicht als „Aphrodisiakum für das Volk“ gesehen werden, doch ich glaube, insbesondere in schwierigeren Zeiten sollte Kino fesseln, manchmal aber auch erschrecken, vor allem aber, und das ist wohl die wichtigste Aufgabe, Kino sollte in erster Linie erfreuen, dem Zuschauer Spaß bereiten.

Kritiker haben Ihnen bezogen auf das Ende Ihres Films „Duell – Enemy at the gates“ eine Verbeugung vor Hollywood vorgeworfen. Hier Ihre Antwort:

„Wenn Sie mit ‚Hollywood-Film’ gute Unterhaltung meinen, eine aufwendige Produktion, eine professionell erzählte Geschichte, so dass man gern das Geld für die Kinokarte zahlt, dann bin ich in der tat ein Hollywood-Regisseur. Selbst hier in Europa.“

Und wo wir gerade bei Kritikern sind: Allgemein wird irrtümlich die Auffassung vertreten, die gefürchtetsten Filmkritiker seien diejenigen, deren Beruf es ist, Filme zu analysieren und diskutieren und die keine Möglichkeit auslassen, Filme in der Öffentlichkeit zu zerreißen, um stets aufs Neuste ihre Daseinsberechtigung zu belegen. Wie gesagt, ein Irrtum. Der gefürchtetste Kritiker ist vielmehr der Zuschauer. Er entscheidet, vielfach ohne sich dessen bewusst zu sein, schon nur durch seinen Kinobesuch über Erfolg oder Misserfolg eines Films; ein durchaus demokratisches Verfahren wie ich finde, zieht man die ursprüngliche Bedeutung des Wortes heran.

Monsieur Annaud, in all’ den Jahren, in denen Sie nun schon als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent tätig sind, haben Sie es stets verstanden, Ihre Filme an die Zuschauer heranzutragen, nicht durch Quantität, also durch sogenannte „Massenprodukte“, sondern durch Qualität und folgerichtig eine Reihe von Auszeichnung für Ihre Filme erhalten. Den Academy Award, den Oscar, zwei Cesars, den Europäischen Filmpreis und jede dieser Auszeichnungen würdigten eines Ihrer Werke aus einem besonderen Blickwinkel, auf eine ganz besondere Weise.

Heute wird die Reihe Ihrer Auszeichnungen um eine weitere, nämlich der Médaille Charlemange pour des Médias Européens erweitert, eine Auszeichnung, die Sie aus meiner Sicht dafür erhalten, dass Sie über einen Zeitraum von über dreißig Jahren uns mit spannenden, bewegenden, teilweise aber auch etwas schockierenden Filmen erfreuen. Als Vertreter einer der Stifter freue ich mich sehr, dass Ihnen in diesem Jahr die Médaille Charlemange pour des Médias Européens überreicht wird und mit Blick auf Ihren Film „Die zwei Brüder“, der im September diesen Jahres in unseren Kinos anläuft, bin ich voller Hoffnung, dass Sie uns auch in den nächsten Jahren mit Ihren Filmen begeistern werden. Sie werden mich sicherlich im Kino finden können.

Herzlichen Glückwunsch!

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