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Preisträger : Jean-Jacques Annaud

 

 

Rede Dr. Norbert Schneider

Tischrede am Vorabend der Preisverleihung an Jean-Jacques Annaud

Prof. Dr. Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für Medien NRW, am 2. Mai 2004

Wenn der Kenner des Kinos, zur Abwechslung unterwegs als müder Wanderer (den es ja nur noch im Märchen gibt), eine halbe Stunde hinter dem rheinhessischen Kiedrich das Kloster Eberbach erreicht, dann klärt sich sein müder Blick zusehends auf. Mit dem scharfen Auge des Cineasten stellt er fest: hier, in diesem Zisterzienserkloster, ist ein großer europäischer Film entstanden, der viele fasziniert hat, also Massenkultur. Und obendrein noch der Traum einer jeden EU-Kommission. Mit einem schottischen Hauptdarsteller: Name of the Rose, einem deutschen Produzenten: Der Name der Rose, einem französischen Regisseur: Nom de la Rose, nach einem italienischen Roman: Nome della Rose. Vom Autor des Romans findet der Besucher des Klosters, so hoffen wir, in der Bibliothek, jetzt freilich in modernem Buchdruck, eine 1964 erschienene, heute fast schon vergessene Textsammlung mit dem Titel Apocalittici e integrati, auf deutsch Apokalyptiker und Integrierte. Sie weist den Autor als einen aus, der nicht nur im phantasievollen Erzählen, sondern auch im strengen Denken zu Hause ist. In diesem Fall errichtet er sein Denkgebäude auf einer klassischen Grenze. Sie verläuft zwischen Kultur und Massenkultur, zwischen Oben und Unten, zwischen den Führern und dem Volk, zwischen Priestern und Laien. In den Klöstern war diese Grenze jederzeit sichtbar, im Lettner der Klosterkirche, wie man ihn etwa in Maulbronn bis heute sehen kann. An dieser Grenze, an dieser Mauer setzt sich Umberto Eco fest.

Im Jahr 1954 hatte er mit einer Arbeit über mittelalterliche Ästhetik promoviert. Doch er blieb nicht diesseits des Lettners. Er verließ die Universität. Obwohl er wusste, dass es in der intellektuellen Welt Italiens als unseriös galt, “sich mit Television statt mit Goethe zu befassen” (aaO 10), hat er nach seiner Promotion beim Fernsehen in Mailand gearbeitet. “Das war ein Glücksfall”, schreibt er, “weil die Intellektuellen damals, wenn sie über Massenkommunikation sprachen, dies mit großer Distanz taten.” Er aber hatte nun die Chance, diese Distanz zu überwinden, sich einen unmittelbaren Eindruck von dieser so viel beschworenen Grenze von Geist und Volk, von Kunst und Kommerz, von der Hochkultur für wenige und der Bedürfnisbedienung für die Vielen zu machen. Von Qualität und Quote. Und zwar von jenseits der Exklusivität und jenseits einer Haltung, die ausschließt. In diesem Fall fast alle. Also was man so Masse nennt.

Diese Vertreter von Exklusivität und Exklusion, Intellektuelle, Verächter der Massenmedien und Bestreiter einer Massenkultur, nennt Eco, selbst ein Intellektueller kat exochen, Apokalyptiker. Das sind solche, die “auf die Vulgarität der industriellen Welt mit entschiedener Ablehnung antworteten” (aaO 10) und Endzeit annoncieren, wenn es so weiter geht: erst der Niedergang, dann der Untergang. Dazu zählen in gewisser Hinsicht auch Denker wie Theodor W. Adorno oder Günther Anders. Vor allem aber lieben es apokalyptisch die vielen Chefs der Feuilletons, die Großkritiker, die Leute von der Kunst, die, was Eco so nicht sagt, aber meint, den Untergang des Abendlandes, verursacht durch die modernen Massenmedien, Kino, Radio und Fernsehen, seither viele Male fast erleben mussten, wenn er nicht immer wieder im letzten Moment verschoben worden wäre. Auf der anderen Seite stehen für Eco die weniger Interessanten, die Integrierten. Das sind die, die die Welt so nahmen, “wie sie war” (aaO 11). Ich lasse sie heute, aus Zeitgründen, rechts liegen.

Wenn Eco an diesen scharfen Gegensatz aus der Mitte des Jahrhunderts erinnert und das tut er in einem Vorwort für den deutschen Leser im Jahr 1984, dann klingt das als habe er sich inzwischen weithin erledigt. Als hätten das Kino und Fernsehen ihre Verächter überzeugt.

Dafür spricht manches. Was einmal nicht mehr war als amerikanischer Heimatfilm, der Western nämlich, ist längst ein Objekt der Begierde für die Verächter von ehedem. Die Getty Foundation baut ein Museum für die Vielen. Carlos Kleiber dirigiert bei Audi in Ingolstadt. Theaterschauspieler wechseln zum Film. Morricone komponiert für eine TV-Serie. Die Grenze wird grün, wird durchlässig. Die Verachtung bekommt Risse, füllt sich auf mit dem, was Eco das “morbide mysterium televisionis” (aaO 28) nennt, “die prekäre Fasziniertheit” (aaO 27). Sie oszilliert als ein Gemisch von Hassliebe, mal so, mal so, etwa dem Fernsehen gegenüber, das man immer noch ungewöhnlich gewöhnlich findet, in das man jetzt aber gleichwohl fortgesetzt rein möchte, möglichst mit einer eigenen Sendung.

Ein wenig erinnert der Apokalyptiker, was diese Ambivalenz betrifft, an die Bemerkung des polnischen Satirikers Kazimierz Bartoszewicz: “Pöbel”, sagt er, “nennen wir eine Ansammlung von Menschen, wenn sie anderer Meinung sind als wir. Teilt dieser Pöbel jedoch unsere Anschauungen, dann sagen wir: hinter uns steht der aufgeklärte Teil der öffentlichen Meinung.”

Manches also hat sich abgeschliffen seit jenen frühen Jahren. Es ist nicht mehr das sich völlig Ausschließende, hier die Kultur, dort die Massen und dazwischen ein Abgrund was sich zunächst unter dem Eindruck von etwas gänzlich Neuem herausgebildet hat. Nicht mehr, was Günther Anders in seinem Buch Die Welt als Phantom und Matrize mit scharfem Blick und in ebenso scharfer Befangenheit als in jeder Hinsicht degressiv analysiert. Der Begriff der Kulturindustrie, eingeführt von Adorno und Horkheimer, und durch und durch negativ besetzt, schreckt niemanden mehr so recht. Der zumal deutsche Unterschied zwischen U und E, der Verdacht, dass Qualität und Erfolg sich eigentlich ausschließen, ist ein Stück weit abgetragen. Eher ein Stück von gestern.

Doch ich kann nicht finden, dass die Kulturkritik ihren Frieden mit der Massenkultur, mit den Massenmedien gemacht hätte. Eher sieht es so aus, als sei nach einer Phase der Entspannung, in der man sich auch wissenschaftlich mit James Bond befassen durfte, was Eco minutiös getan hat, fast scheint es, als seien unbeschadet der Konzession, dass neben Bach auch die Beatles Kultur sind, trotz Jaques Loussier und Aurele Nicolet, die Apokalyptiker zurückgekehrt. Diesmal von den Massenmedien selbst ins Spiel gebracht, durch Angebote, die man ablehnen muss. Die alte Rede vom Niveauverlust durch Nivellierung, lange nicht mehr gehalten, kehrt wieder und findet Publikum. Es ist wieder ein Leichtes, das Fernsehen als die seichte Muse zu diffamieren: niveaulos, substanzlos, gottlos. Und über den Film zu sagen, dass er sich immer mehr den Ermittlungen von Marketing-Strategen verdankt. Dem kommerziellen Kalkül. Selten war die Behauptung populärer als heute, dass früher alles besser war.

Er ist wieder zu hören, angestachelt durch Angebote, die nichts anderes sind als Dokumente einer völligen Kommerzialisierung: der apokalyptische Orgelton. Während an der Rampe, dem Publikum unmittelbar zugewandt, die Spaßgesellschaft auf ihren Glatzen Locken dreht, bildet sich backstage die alte Formation noch einmal aus: Apokalyptiker gegen Integrierte, Hochkultur gegen pöbelhaften Pop, Massenmedien als Kulturvernichter, Exhibition versus Exhibitionismus. Die Massenmedien erweisen sich, völlig auf sich selbst bezogen, tatsächlich als Erosionsmaschinen, die auf dem Weg zum ultimativen Kick der Nutzer kalt und profitgierig die Grundlagen des Gemeinwesens zerbröseln. Wenn man sie lässt. Box Office und Quote sind der Testfall für schier Alles. Die Frage heißt: Stimmen die Zahlen? Je besser sie sind, desto größer die Masse. Aber ist nicht die Masse, was früher schon galt? Kulturell bedeutungslos?

Ein erster Kreis schließt sich. Nichts ist ihnen, den Medien wie den Massen, heilig, weil ihnen das Heilige nichts bedeutet. War es früher Zerstörung durch Massenmedien, die der Apokalyptiker gewittert hat, so ist es jetzt eher die Selbstzerstörung der Massenmedien, auf die er verweist, in einer Mischung aus überlegener Rechthaberei und unerklärlicher Angst, die ihn schon immer geprägt hat.

Schon immer heißt auch: der Apokalyptiker hat nicht nur eine glänzende Zukunft. Beiläufig erinnert Eco daran, dass auch in der Vergangenheit der eine oder andere Große diese stets umkämpfte Grenzlinie zwischen möglicher Kultur und unmöglicher Massenkultur scharf und scharfzüngig bewacht hat. Ein solcher Großer war der Abt von Clairvaux, Bernhard, der sich über einen anderen Abt, Sugér von St. Denis, empörte, weil der den Massen das mit Bildern zeigen wollte, was sie als Worte nun einmal nicht lesen konnten. Sein Credo hieß: pictura est laicorum literatura, was Gregor ein Jahrhundert später so sagt: “Was dem des Lesens Kundigen die Schrift, das gewährt dem Unkundigen der Anblick des Bildes.” (1275). Erst recht, versteht sich, der Anblick des bewegten Bildes.

Pictura est laicorum literatura, diese Devise des Honorius von Autun, die Sugér gegen Bernhard aufbietet, klingt, so alt, wie sie ist, als sei sie das Gründungsversprechen des Kinofilms. Und so schließt sich auf eine höchst eigentümliche Weise ein zweiter Kreis. Es war ja auch Bernhard von Clairvaux, der den Orden der Zisterzienser mit seinem Beitritt im Jahr 1112 erst auf seine europäische Höhe geführt hat. Es waren Zisterziensermönche, die im Kloster Eberbach gebetet und gearbeitet haben.

Es ist eine winzige, aber geradezu mittelalterliche Pointe, dass ausgerechnet eine location von Bernhard, das Kloster Eberbach, Drehort für einen Film wurde, der alle Qualitäten der von Bernhard so bekämpften Massenkultur hat. Hat also doch alles seine Zeit?

Wir wissen natürlich nicht, wie Bernhard das gefunden hätte, ob es zu einer Dreherlaubnis überhaupt gekommen wäre. Ich vermute, dass Der Name der Rose nach einigem Hin und Her und Prüfung aller Beteiligten auch bei dem Abt und Europäer Bernhard jene “prekäre Fasziniertheit” ausgelöst hätte, die einen besseren Apokalyptiker auszeichnet. Die ihn immer dann befällt, wenn er es gerne exklusiv hätte, diesseits des Lettners mit seinesgleichen, aber auch zu gerne wüsste, was jenseits des Lettners die vielen anderen machen. Zum Beispiel Bilder und später Filme, mit einem Hauptdarsteller aus Schottland, einem Produzenten aus Deutschland, einem Autor aus Italien und einem Regisseur aus Frankreich, in einem hessischen Kloster und einer Erinnerung an diese Geographie in einem holländischen Restaurant nahe der belgischen Grenze. Fragt sich nur noch, woher das Essen kommt.

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