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Rede zur Preisverleihung am 10. Mai 2005. |
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Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, lieber Herr Müller, verehrte Gäste,
die Wucht und die Fülle der guten Worte, die hier und heute auf mich niedergegangen sind, muss ich erst einmal verkraften. In der Erlebniswelt eines öffentlich-rechtlichen Angestellten kommt so etwas nicht besonders häufig vor. Gleichwohl, man könnte sich daran gewöhnen.
Die Ankündigung des Preises hat eine Flut von Gratulationen ausgelöst. Mich haben Menschen beglückwünscht, die ich nicht mehr unter den Lebenden wähnte. So entfaltete der Preis schon vorab eine erfreuliche Nebenwirkung, mit der ich nicht gerechnet hatte. Selbst Kollegen waren unter den Gratulanten. Das habe ich auch nicht so häufig, dass mir durchgängig Freundlichkeiten geschrieben werden, ohne den WDR am Ende um finanzielles Engagement zu bitten. Einer, den ich aufrichtig schätze, hat mir besonders liebenswürdig zur Médaille Charlemagne pour des Médias Européene gratuliert. Er sei ein bisschen neidisch, da er bislang mit dem Cornichon à la russe abgespeist worden sei. Zu deutsch: die Saure Gurke. Ich konnte ihn trösten, denn auch ich wurde mit der Sauren Gurke geadelt. Deshalb weiß ich, wer den Cornichon à la russe redlich erworben hat, hat sich für die Médaille Charlemagne qualifiziert. Falls Sie für das nächste Jahr einen starken Kandidaten suchen, kann ich Ihnen also einen guten Tipp geben. Als Gegenleistung bitte ich lediglich darum, die Laudatio auf den Kollegen halten zu dürfen. Da ich könnte ich eine Menge abarbeiten. So viele Gelegenheiten bleiben mir ja nicht mehr.
Verehrter Herr Müller! Sie möchte ich gerne als Biograf gewinnen. Mit Ihrem Humor und einer Akribie, die eigentlich uns Journalisten zu eigen sein müsste, aber leider nicht immer gelingt, haben Sie mein Leben ausgeleuchtet. Generös haben Sie dabei schwächere Vorstellungen, wie den Erwerb der erwähnten Sauren Gurke ausgespart. Ich kann mich nur an erfreuliche Begegnungen mit Ihnen erinnern. Besonders gerne denke ich an die Battle of Seattle, den Tränengas-Gipfel der WTO zurück, wo Sie als Bundesminister die EU-Forderung nach der exception culturel im Welthandel entschieden unterstützten. Für einen Wirtschaftsminister, dem Liberalisierung im Prinzip viel wesensnäher ist, war das keine Selbstverständlichkeit. Aber Sie sind nicht nur ein Ökonom, ein Unternehmer, Sie sind auch ein Mann der Kultur, was Sie in Ihrer gegenwärtigen Eigenschaft als Chef der RAG nachdrücklich unter Beweis stellen. Das eine und das andere ist uns dabei gemeinsam gelungen.
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Steinbrück! Mit Noblesse und Witz haben Sie Worte für mich gefunden, die mir, ich gestehe es gerne, gefallen haben. Auf Ihre Rede, das ist bei Ihnen nun mal so, waren sicher viele gespannt, aber die können nicht wissen, dass wir weit bessere Gespräche geführt haben, als allgemein bekannt ist. Gewiss, es gab die eine oder andere unterschiedliche Auffassung. Aber als es jetzt in der Antwort an Brüssel um Grundsätzliches ging, da hat Ihre Landesregierung ganz im Sinne des Amsterdamer Protokolls entschieden darauf bestanden, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk Sache der Mitgliedsstaaten ist und in deren Interesse auch künftig eine wesentliche Rolle spielen soll, mit allen notwendigen Entwicklungsmöglichkeiten. Dafür möchte ich mich bedanken.
Herr Oberbürgermeister, auch Ihnen Dank für Ihre freundlichen Worte! Sie wissen, dass Ihre Stadt für das Programm des Westdeutschen Rundfunks eine ganz wichtige Rolle spielt; nicht nur bei den so genannten Big Events wie Karlspreis, Orden wider den Tierischen Ernst und CHIO, sondern tagtäglich in der Berichterstattung unseres Studios Aachen. Die Europäische Union mit ihren konkreten Auswirkungen auf den Menschen lässt sich hier in der Euregio darstellen wie nirgends sonst.
Herr Hahn-Cremer, Sie haben mir als Erster die frohe Botschaft übermittelt. Ihre Frage, ob ich bereit sei, den Preis anzunehmen, habe ich als rhetorisch empfunden. Die „Médaille Charlemagne“ wird zwar erst wenige Jahre vergeben, aber sie besitzt bereits eine hohe Reputation Dank hoch angesehener Preisträger vor mir. Dafür lasse ich gerne ein ARD/ZDFSpitzentreffen, das zur Stunde in Berlin stattfindet, sausen.
Last but not least danke ich Herrn Groebel. Als Meister des Wortes haben Sie mir die Sache Rundfunk und Europäische Integration noch einmal richtig schmackhaft gemacht.
Die ersten Wurzeln meines europäischen Denkens und Fühlens hat Werner Müller freigelegt, als er meine Radtouren vor gut 50 Jahren durch unsere westlichen, südlichen und nördlichen Nachbarländer beschrieb. Konkreter wurde das ab 1963, als ich zum Westdeutschen Rundfunk kam und regelmäßig nach Brüssel entsandt wurde. Von dort aus kippte unbeirrt ein Kollege namens Dieter Strupp die Tagesschau mit Berichten über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft voll. An dieser Stelle muss ich ein Loblied auf den Mangel und das Monopol singen. Da es damals nur wenige Berichte aus der weiten Welt gab und wir noch keine Konkurrenz hatten, konnten wir senden, was wir wollten. Das Publikum war uns ausgeliefert. So kam das Kürzel EWG unter die Leute, obwohl die daran herzlich wenig Interesse entwickelten. Heute hat es die Berichterstattung über die EU wesentlich schwerer, sich im Wettbewerb weltweiter Korrespondenzen zu behaupten. Damals machte ich die Erfahrung, dass es der unmissverständlichen Kommunikation dient, mehr als nur seine Muttersprache zu beherrschen. Als eine der legendären Nachtsitzungen, es ging wieder einmal um Landwirtschaft, im Morgengrauen ihr Ende fand, wurden wir Journalisten in den Saal gelassen. In dem Durcheinander rammte unser Assistent dem französischen Landwirtschaftsminister einen schweren Akku in die Nieren, worauf der Minister schwer K.O. zu Boden ging. Sofort kehrte Stille ein. Zu Tode erschrocken beugte sich unser Assistent über den Minister und stammelte, um sich zu entschuldigen: „Bonjour Monsieur“.
Als Journalist habe ich mich immer gerne an Politikern gerieben. Aber die Ostpolitik von Willy Brandt und die Europapolitik von Helmut Kohl haben mir sehr gelegen. Nun hatte ich gegenüber anderen Journalisten allerdings den Vorteil, das Schicksal unseres geteilten Landes und unseres geteilten Kontinents gewissermaßen an vorderster Front zu erleben.
Die Europäische Union war und ist ein wunderbares, ein reiches Feld für Journalistinnen und Journalisten. Er oder sie kann über Kontroversen, Skurrilitäten, banale Mühen in der Ebene, dramatische Rückschläge, entnervende Bürokratien und glanzvolle Triumphe berichten. Es ist eine never ending story, deren Fortgang und Ausgang immer im Ungewissen bleiben. Das ist die eine, die attraktive Seite, die andere Seite ist ernüchternd. Europa entwickelt bislang bei den Bürgern und Bürgerinnen wenig Appeal. Das macht sich bei der Europawahl, das macht sich auch in den Ratings der Europa- Berichterstattung bemerkbar. Die Einschaltquoten sind eher im Keller als im Erdgeschoss. Doch die Europäische Union, ob beachtet oder nicht, bestimmt elementar unser Leben. Deshalb müssen wir unsere Bevölkerung darüber unterrichten, auf dass sie souverän zu ihrem eigenen politischen Urteil kommt. Information und Aufklärung, das ist die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, auch wenn sie wenig Publikum beschert. Es erfordert viel journalistische Kunst, den europäischen Verfassungsvertrag oder Quoten-regelungen zu erklären. Geld ist damit nicht zu verdienen. Deshalb lassen sich unsere Konkurrenten auch gar nicht erst darauf ein.
Dieser Tage wurde ich von einem hochrangigen Kommissionsmitglied gefragt, ob es noch einen relevanten Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichem und kommerziellem Rundfunk gäbe. Ich konnte ihm das leicht erklären. Die Landesrundfunkanstalten und das ZDF berichten täglich in Hörfunk und Fernsehen in Sendungen für die unterschiedlichste Klientel über das europäische Geschehen. Sie setzen dafür ein gutes Dutzend Korrespondenten ein. Die kommerziellen Anbieter haben hingegen keinen einzigen ständigen Korrespondenten in Brüssel. Dafür sind sie auf Mallorca vertreten. Das ist, wie ich meine, schon ein gewisser Unterschied in der journalistischen Kultur. Was die Europäische Union angeht, ist der Westdeutsche Rundfunk wie das Land Nordrhein-Westfalen ideal platziert. Wir liegen proper zwischen Berlin und Brüssel. Diese Vorzugsposition nutzen wir. Wir berichten in Hörfunk und Fernsehen in Spezial- wie auch Regelsendungen aktuell und hintergründig über die Aktivitäten der EU. Das Funkhaus Europa ist eine wertvolle Ergänzung, die sich engagiert der Integration in unserem Land und darüber hinaus annimmt. Mit dem Europa-Forum bieten wir Podien für den Europäischen Diskurs. Der ARD-Medienpreis CIVIS hat eine attraktive europäische Komponente, in dem er gekonnte Beiträge auszeichnet, die sich mit dem Thema Integration in den Ländern unseres Kontinents auseinandersetzen. Doch wir wollen es dabei nicht bewenden lassen. Wir wollen Formate in der Unterhaltung und im fiktionalen Programm entwickeln, die in der Lebenswelt der Europäischen Union spielen. Ein schöner Zugewinn wäre es, wenn der „Bericht aus Brüssel“ nicht nur im WDR-Fernsehen, sondern in allen Dritten Fernsehprogrammen der ARD ausgestrahlt würde und eines Tages auch den Weg ins Erste schaffte, wo sich ja bereits das Europa-Magazin ganz wacker behauptet. Die Europäische Integration gehört zum gesetzlichen Programmauftrag des WDR. Das bedeutet nicht, dass wir als Propagandisten zu fungieren haben, sondern dass wir dieses Thema entsprechend seiner Bedeutung behandeln, mit allem Für und Wider.
Dass die Europäische Integration kein fröhlicher Gang über eine Blumenwiese ist, wissen wir natürlich, auch aus eigener Erfahrung. Die Neigung der Kommission besteht, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorrangig nach den Prinzipien des Europäischen Wettbewerbs- und Beihilferechts zu beurteilen. Das ist eindeutig zu klären. Mit der Antwort des Bundes und der Länder an Brüssel ist dies, wie ich meine, überzeugend gelungen. Dabei haben wir von unseren Vorstellungen einige Abstriche machen müssen. Die Gesamtantwort betrachten wir aber als akzeptabel für die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Mit dieser zuversichtlich stimmenden Perspektive möchte ich meine Ausführungen beenden. Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bedanke mich noch einmal für die mir mit der Médaille Charlemagne zuteil werdenden Ehre. Die Auszeichnung nehme ich für den Westdeutschen Rundfunk entgegen, der sich mit Fug und Recht von Beginn seiner Existenz an als Europasender betrachten darf und auf diesem Kurs bleiben wird.
Glück auf.
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