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Sehr geehrte Preisträger, meine Damen und Herren,
„Welche Welt ist meine Welt?“ – fragt sich die österreichische Autorin Hilde Spiel in ihrem nach der Rückkehr aus dem englischen Exil veröffentlichten Erinnerungen und drückt damit aus die Problematik der außerhalb ihrer Sprache/Heimat lebenden Künstler – in ihrem Fall unfreiwillig, vor der Verfolgung fliehend.
Diese Frage „Welche Welt ist meine Welt?“ impliziert die Notwendigkeit sich für das eine (meistens Neue ) und damit gegen das Andere (meistens das Alte, aus dem man herkommt) zu entscheiden: für eine neue Sprache, eine neue Lebensart. Die Frage impliziert auch die Tragik, die aus solchen Entscheidungen resultierte: es gab ja nur entweder / oder.
Wir ehren hier heute 2 Künstler, bei denen diese Frage „Welche Welt ist meine Welt?“ – die, aus der ich, bzw. meine Eltern kommen, oder die, in der ich lebe und arbeite, d.h. meine Filme mache – bei denen diese Frage, falls überhaupt gestellt, nur mit sowohl als auch beantwortet werden kann: bei Abdellatif Kechiche sowohl Tunesien, wo er am 7.12.1960 geboren wurde, als auch Frankreich, wohin er 1966 mit seinen Eltern übersiedelte und in Nizza aufwuchs; sowohl Hamburg, wo er am 25.8.1973 geboren wurde, als auch die Türkei, aus der seine Eltern nach Deutschland kamen bei Fatih Akin, bei dem es diesbezüglich heißt:
„Ich lebe sehr gerne hier und gehöre nach Hamburg. Ich liebe Istanbul und habe in der Türkei einen Film produziert…es gibt eine Brücke, eine Querverbindung. Die ist sehr fruchtbar.“
Wir ehren hier heute 2 Persönlichkeiten, die beweisen, dass in Europa am Anfang des 21. Jahrhunderts nicht mehr nur der, der sich von den Franzosen, bzw. den Deutschen nicht unterscheidet, wahrgenommen, erfolgreich sein kann, sondern auch die, bei denen die Integration nicht im Widerspruch zur Bewahrung eigener, durchaus komplexer, weil aus mehreren Quellen, Welten gespeister Identität steht; wir ehren hier 2 Künstler, für die – allerdings jeweils mit anderen Vorzeichen gilt – „beide Welten sind meine Welten“.
Reden wir über die anderen – und das ist heute hier meine Aufgabe, reden wir bekanntlich immer auch von uns selbst. Vor 40 Jahren selber vor der Frage stehend: wohin?, ging ich nicht nach Frankreich, obwohl mir das Land und die Sprache am nächsten waren – mehr ahnend, als wissend, dass der Druck wie ein Franzose zu sein, ein Franzose zu sein wollen, stark wird.
In Deutschland – empfand ich damals – bestand nicht die Gefahr, eine fremde Identität über die eigene stülpen zu müssen.
Und so erzählt Abdellatif Kechiche in seinen Filmen von und aus einem Land, wo die Assimilation eindeutig immer noch der sicherste Weg zur gesellschaftlichen Teilhabe ist. Seine Figuren sprechen Französisch, auch wenn das Französisch mit der Sprache Voltaires nicht mehr viel Gemeinsames hat. Arabisch kommt bei Kechiche seltener vor.
Bei Fatih Akin wird genauso viel – oder fast – Deutsch wie Türkisch gesprochen. Die Hauptfigur in „Auf der anderen Seite“ - Sohn der türkischen Einwanderer - lehrt deutsche Literatur, zitiert Goethe. Der Sehnsuchtsort ist bei Abdellatif Kechiche Paris, bei Fatih Akin das Dorf des Großvaters – Garten Eden am Schwarzen Meer. Türkisch-Deutsch, nebeneinander gesprochen, als Ausdruck der zwei nebeneinander existierenden Wirklichkeiten. Diese Dualität kommt bei Fatih Akin auch im Schnitt zum Ausdruck, in 5 / 24.04.2008 / 10:08:52 der Dramaturgie seiner Filme: parallel in Deutschland und der Türkei laufende Handlungen in seinen 2 letzten Filmen, die sich ergänzen, kreuzen, vermischen, verwoben sind.
Abdellatif Kechiche bleibt in Frankreich und hauptsächlich in Französisch. Bei „Voltaire ist schuld“ – seinem ersten Film, hätte er auch allerdings gerne einen Teil in Tunesien gedreht, musste aber aus finanziellen Gründen darauf verzichten.
Die Filme von Abdellatif Kechiche und Fatih Akin spiegeln den Unterschied zwischen Assimilation und Integration wider. Zwei Gegenpole europäischer – noch national geprägter Einwanderungspolitik und zugleich Spiegelbild der entstehenden multikulturellen Wirklichkeit.
Man kann natürlich auch viele Gemeinsamkeiten finden.
Beide haben als Schauspieler angefangen:
Abdellatif Kechiche 1978 in Nizza in einem Theaterstück von Federico Garcia Lorca.
Fatih Akin 1993 in Hamburg – in weniger anspruchsvollen Fernsehrollen als „der Türke vom Dienst“.
Fatih Akin tritt allerdings heute bis auf kleine Nebenrollen, mehr als D.J. auf, Abdellatif Kechiche hingegen ist der Schauspielerei neben Regie treu geblieben.
Beide haben einige Jahre auf die Verwirklichung ihrer Filmprojekte warten müssen. Gegen die fünf Jahre, die Abdellatif Kechiche auf seine erste Regie-Arbeit warten musste, kommt Fatih Akin allerdings nicht an. Filmemachen ist dem Leistungssport ähnlich. Ausdauer, siegen, verlieren sind Begriffe, die Fatih Akin in diesem Zusammenhang benützt.
Beide sind kompromisslos. Abdellatif Kechiche gilt daher bei den Produzenten als schwierig. Fatih Akin lässt so was überhaupt nicht aufkommen. Durch die Gründung seiner eigenen Produktionsfirma Corazon ist die Frage vom Tisch. Beide wurden – jeweils als große Überraschung – plötzlich buchstäblich mit Preisen überhäuft.
Gemeinsam geehrt - wie hier heute, wurden sie bis jetzt jedoch nie. Diese Doppelehrung hat für die Preisträger – da kein Preisgeld geteilt werden muss – eigentlich nur Vorteile. Alles Positive, über wen auch immer vom Laudator gesagt – dürfen beide auf sich selbst beziehen; die Peinlichkeiten, Ungenauigkeiten gelten hingegen nur dem Anderen. Die tatsächlichen oder vermutlichen, gerade aufgezählten Gemeinsamkeiten können auch persönlich genommen, oder als nur den anderen betreffend, eingestuft werden.
Abdellatif Kechiche hat 3 Filme gemacht, die 2 letzten „L’esquive“ in 2005 und „La graine et le mulet“ in 2008 haben den César, die höchste französische Auszeichnung, jeweils für den besten Film, das beste Drehbuch, für die beste Regie und abwechselnd für die beste männliche und weibliche Nebenrolle bekommen. Damit ist er endgültig im Mekka des französischen Kinos angekommen. Internationale Erfolge wie Venedig folgten.
„Gegen die Wand“ von Fatih Akin gewann 2004 in Berlin den Goldenen Bären und beim Deutschen Filmpreis wurde er 4 x ausgezeichnet. 4 Césars einerseits, 4 Lolas andererseits. Außerdem gewann er den Europäischen Filmpreis. Für „Auf der anderen Seite“ erhielt Fatih Akin in Cannes den Preis für das beste Drehbuch, damit war er im Mekka des europäischen Kinos angekommen. Und 2008 folgte die Oscar Nominierung als bester ausländischer Film.
Beide mit Preisen überhäuft – auf die Aufzählung wird hier bewusst verzichtet - für Filme, die im heutigen europäischen Kino zum Besten gehören; mit Figuren von einer Intensität und Glaubwürdigkeit, die ihresgleichen lange suchen müssen.
Meistens geht es, wie kaum anders zu erwarten, um die Überwindung der Grenzen: der ethnischen, sozialen, religiösen, persönlichen. Es entsteht ein weder utopisches, noch bemüht politisch korrektes Bild der neuen multikulturellen europäischen Wirklichkeit.
„Ich wollte vom Theater erzählen, eine Liebesgeschichte machen, von den Vororten erzählen, ohne die üblichen Geschichten von arrangierten Hochzeiten oder der Kopftuch-Debatte“ – sagt Abdellatif Kechiche zu „L’esquive“. „L’esquive“ ist keine West Side Story, diesmal in einem Pariser Vorort spielend. Die verbalen Kraftakte führen hier zu keiner körperlichen Gewalt; es geht nur um das alte „Spiel von Liebe und Zufall“ – so der Titel der von den Schülern geprobten und aufgeführten Marivaux-Komödie – um ein Spiel, das die Jugendlichen überall auf der Welt seit eh und je spielen. Der Zuschauer hängt buchstäblich an den Lippen der Protagonisten, deren Gesichter Abdellatif Kechiche von ganz nah zeigt, um diesen Schwall von Drohungen, Erklärungen, Flüchen, Beschwörungen direkt und auch im übertragenen Sinne besser zu verstehen. Er ist gefesselt, weil es zusätzlich auch das alte – von neuem stattfindende Spiel - von Freundschaft, Solidarität, vom Ernst der Gefühle – einfach vom Leben ist, dessen Reichtum und Vielfalt beide Regisseure in unvergesslichen Szenen einfangen. Das über eine Viertelstunde dauernde Couscous-Essen einer tunesischen Großfamilie im letzten Film von Abdellatif Kechiche „La graine et le mulet“, der im Herbst in Deutschland ins Kino kommt, ist schon allein Grund genug in diesen Film zu gehen.
Seit Tarkowskijs „Nostalgia“ wurden Heimweh und Fernweh – die treibenden Kräfte des Menschen – nicht so meisterhaft im Kino vermittelt wie in Akins „Auf der anderen Seite“ - und zwar in der Szene zwischen dem deutschen Besitzer der deutschen Buchhandlung in Istanbul, der von Heimweh nach deutscher – lebendiger- Sprache erzählt und deswegen nach 10 Jahren verkaufen will und dem aus Deutschland kommenden, türkischstämmigen Germanistikprofessor, der diese Buchhandlung kaufen will.
Die Bücher spielen in Kechiches „L’esquive“ und in Akins „Auf der anderen Seite“ eine wichtige Rolle. Der Protagonist von „Auf der anderen Seite“ schenkt am Anfang des Filmes seinem Vater ein Buch eines deutschtürkischen Schriftstellers. „L’esquive“ endet mit dem auf einem Autodach liegenden zerlesenen Exemplar der feudalen Komödie, die in 2 Stunden so viel sichtbar machte. Buch als eine Möglichkeit, uns und die Welt zu verändern. Es geht auch um die Erhaltung der Kultur.
Fatih Akin erzählt in „Auf der anderen Seite“ nach eigenem Bekunden von den uralten Themen wie Liebe, Verantwortung – sich selbst und seinen nächsten gegenüber – von der Vergebung; das alles allerdings anhand von heutigen Figuren, die diesen alten Begriffen keine neue Bedeutung geben, aber auf jeden Fall ihnen ein neues Leben einhauchen. Im Gegensatz zum fast nervösen Stil von „Gegen die Wand“ ist „Auf der anderen Seite“ viel ruhiger, unspektakulärer erzählt. Anders eben.
„Es gibt viele Regisseure, die entdecken ihren Stil, der ist erfolgreich, und aus Sicherheit ziehen sie das für den Rest ihres Lebens durch, was ich langweilig finde. Ich finde immer die Regisseure interessanter, die Bildersprache ausprobieren und willig sind, zu lernen. Ich bin so jemand.“ Zitat von Fatih Akin.
„Nur nicht auf Stil machen. Ich passe die Aufnahmen und den Schnitt den Bewegungen der Schauspieler an.“ Sagt Abdellatif Kechiche.
Um Bewegung geht es auch bei Akins letztem Film. Die Identität, die Ideale der jungen, kämpferischen Protagonistin geraten in Bewegung. Ihre Wahrnehmung verändert sich, so wie sich hoffentlich durch die heute hier erwähnten Filme vieles auch bei uns verändert hat.
Aus diesem Grund möchte ich mich bedanken, hier diese Laudatio – zu der ich anfangs keine Lust, weil keine Zeit hatte – halten zu dürfen.
Ich musste/durfte mich diesmal ausführlicher als beim ersten Mal im Kino – mit den Filmen von Abdellatif Kechiche und Fatih Akin auseinandersetzen und war, bzw. bin glücklich darüber.
Dieses Glücksgefühl wünsche ich auch Ihnen, wenn Sie jetzt Ausschnitte aus den Filmen beider Preisträger sehen und den Preisträger danke dafür, dass sie uns mit ihren Filmen unterhalten, emotional aufwühlen, bereichern, träumen lassen – kurzum glücklich machen.
Kann man von der Kunst, vom Kino überhaupt mehr erwarten?
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.
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