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Preisträger : Inge Schönthal-Feltrinelli

 

 

Rede Marc-Jan Eumann

Rede zur Preisverleihung an Dr. Inge-Schönthal-Feltrinelli am 26. Mai 2011

Marc-Jan Eumann, Staatssekretär bei im Bundesministerium für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes NRW.

Sehr geehrte Damen und Herren,
Sehr geehrte Frau Dr. Schönthal-Feltrinelli,

bei dem Blick auf Ihr Werk, fällt mir vor allem eine Weisheit ein: "Lebensfreude stärkt die Schaffenskraft. Und Schaffenskraft erhöht die Lebensfreude."

Das ist nicht von mir. Viel besser: es ist von Else Pannek. Wer weiß, vielleicht sind Sie sich sogar mal begegnet. Das würde mich nicht wundern. Die Dichterin stammt aus Hamburg, der Stadt, in der Sie, Frau Dr. Schönthal-Feltrinelli, Ihre Karriere als Fotoreporterin begannen.

Wir alle kennen Ihre wunderbaren Aufnahmen aus dieser Zeit: von Pablo Picasso, von Greta Garbo, von Winston Churchill und natürlich von Ernest Hemingway mit Ihnen selbst. Es sind Bilder, die damals schon von dieser Ihnen ganz eigenen Energie zeugen, die Sie so weit gebracht hat.

Sie haben nach dem Krieg gemeinsam mit Ihrem Mann den Verlag Feltrinelli in Mailand geführt. Wir können nur eine kleine Ahnung davon haben, wie schwierig das war: Als Frau - und als Frau mit deutschem Hintergrund in den 50er und60er Jahren. Sie haben gegen Provinzialität und Ressentiments angekämpft. Sie haben nach dem Verlust Ihres Mannes den Verlag zunächst alleine geführt, heute tun sie das mit Ihrem Sohn. Sie haben das Verlagsgeschäft erfolgreich in eine neue Zeit gesteuert.

Ich gebe gerne zu: Vor diesem Lebenspanorama wirkt mein Düsseldorfer Politalltag fast gering. Irgendwie kleinlich. Es gibt wenige Momente, die mich demütig werden lassen. Dies ist so einer.

Die Karlsmedaille für europäische Medien heute erinnert an Ihre Verdienste als Mensch, Fotografin und Verlegerin. Sie erinnert aber auch uns alle daran, wie wir auf Veränderungen zugehen sollten. Mit weniger Klage und mit mehr Courage.

Das gilt natürlich insbesondere für uns Medienmenschen, die den Übergang in das digitale Zeitalter mit viel Weh und Ach betrachten. Sie haben uns gezeigt, dass Erneuerungen und Anpassungen zwar mühsam, aber notwendig sind. Dass dafür Ausdauer, Optimismus und Hingabe gebraucht werden.

Sie haben einmal in einem Interview bedauert, dass es keine großen Verlegerpersönlichkeiten mehr gibt. Es fehlten die Impulse großer Weltverleger wie Heinrich Maria Ledig-Rowohlt oder Gaston Gallimard. Sie vermissen bei vielen die Besessenheit zur Arbeit und die Liebe zu den Autoren.

Sie machen sich Sorgen darüber, dass in vielen Verlagen heute graue Manager sitzen, denen die Passion fehlt und die sich vor allem darum kümmern, dass die Zahlen stimmen. Ihnen geht es nicht darum, fünf Prozent mehr Umsatz im Jahr zu machen, sondern fünf Prozent mehr gute Bücher zu verkaufen.

Glaube Sie mir: Das hören nicht nur Schriftsteller gerne. Mit dieser Mahnung machen Sie jeden kreativen Menschen glücklich. Autoren in ganz Europa haben schließlich erlebt, dass der Renditedruck die Qualität des Geschriebenen und die Motivation des Schreibers erheblich beeinträchtigen kann.

Wir müssen sogar derzeit beobachten, dass unter den wirtschaftlichen Zwängen selbst die Medienfreiheit in Europa zu leiden hat. Redaktionen werden zusammengelegt, Stellen gestrichen, Gehälter gekürzt, Tarife umgangen. Das kann die unabhängige Berichterstattung beeinflussen. Vor den Gefahren für die Medienfreiheit haben die Reporter ohne Grenzen just Anfang dieses Monats gewarnt.

Der Erfindergeist, der Mut zu experimentieren, den wir auch für ein wirtschaftliches Fortkommen brauchen, scheint sich nur zaghaft zu entwickeln. Sie sind nun eine Frau, die mit ihrer internationalen Öffentlichkeitsarbeit ein wichtiges Zeichen des Aufbruchs setzen und zu neuen Ideen ermutigen kann.

Es gibt sie. In einigen Ländern Europas tun sich Geldgeber zusammen, Bürger oder Unternehmer, spenden oder stiften Geld für hochwertige, unabhängige und gut recherchierte Texte. In Großbritannien ("Bureau of Investigative Journalism"), in der Schweiz ("Maiak"), in Frankreich ("Mediapart"), aber auch in Deutschland ("Kontext") gibt es Beispiele für das Engagement, die Medienfreiheit, wie sie in unseren Demokratien verankert ist, auch zu nutzen.

Und wie sieht es in Italien aus? Da gibt es einen Medienkontrolleur und Medienunternehmer an der Spitze des Staates, der trotz aller Kritik behauptet: "Wenn es etwas gibt, dessen wir sicher sein können, dann ist es die Tatsache, dass wir zu viel Pressefreiheit haben."

Sie, sehr geehrte Frau Dr. Schönthal-Feltrinelli, zeigen uns als Präsidentin des Verlages glücklicherweise das weltoffene Gesicht Italiens. Sie stehen selbstverständlich für kulturellen Austausch, Vielfalt und Freiheit. Sie befördern mit Ihren Büchern wegweisende Ideen und machen mit Ihrer Lebensgeschichte Mut.

Sie zeigen, dass Sie für Ihre Arbeit immer noch brennen. Ich wünsche mir nun zwei Dinge: Erstens, dass der Funken Ihres Feuers überspringen möge auf alle Medienschaffenden, die im digitalen Zeitalter neue Wege finden müssen. Es muss sich wieder herumsprechen, dass Leidenschaft kein Anachronismus ist, sondern zeitlose Bedingung für andauernden Erfolg.

Zweitens hoffe ich von Herzen, sehr geehrte Frau Dr. Schönthal-Feltrinelli, dass Ihr ganz persönlicher Wunsch in Erfüllung geht und der Nobelpreis noch einmal an einen Ihrer Autoren geht, mit dem Sie dann in Stockholm tanzen können.

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